DHL aus der "Tätersicht"
Ich muss sagen, ich kann die Beschwerden hier gut verstehen. Über ein halbes Jahr lang war ich als Zusteller bei DHL tätig und habe gemerkt, wie die andere Seite aussieht. Das hat nix mit faul zu tun, mit unmotiviert schon. Aber daran ist DHL selber schuld.
Man bekommt als Zusteller einen Bezirk zugeteilt, den man abzuarbeiten hat. Außerdem bekommt man ein nicht allzu üppiges Gehalt, das an der Regelarbeitszeit im Arbeitsvertrag bemessen ist und die Mindestlohngrenze überschreitet. Nun aber die Realität: Die wenigen Bezirke, die (besonders bei gemischter, also Brief- und Paketzustellung) in der Zeit zu schaffen sind, sind von den "alten Hasen" besetzt. Als Neuling kriegt man in der Regel einen Bezirk, den keiner will, weil er nämlich in der vorgesehenen Arbeitszeit absolut nicht machbar ist. Was passiert also nun? Man hat so viele Briefe und Pakete, dass man die in der vorgesehenen Zeit einfach nicht schafft. Nun bleiben zwei Möglichkeiten:
1.) man erledigt seine Arbeit trotzdem gewissenhaft, stellt Pakete zu, versucht die Ersatzzustellung bei einem oder auch zwei Nachbarn. Ergebnis: Man macht Überstunden, oft auch viele, die DHL nicht zahlt. Spricht man die Bezirksleitung dann darauf an, wird einem nur gesagt, der Bezirk sei genau berechnet und das wäre zu schaffen. Wenn man es nicht schafft, läge das an einem selber. Man ist dann halt zu langsam. Konsequenz, da DHL gerade bei neuen Mitarbeitern ja immer mit befristeten Verträgen arbeitet: Wer zu oft das Maul aufmacht, dessen Arbeitsvertrag wird nicht verlängert. Und wenn dir was dran liegt, dass die 80-jährige Frau X ihr 20kg Paket nicht im nächsten Paketshop abholen muss, zumal sie vielleicht nicht mal ein Auto hat, dass machst du das als Zusteller auf deine Kosten, aber du hast ein gutes Gewissen. Wenn man dann aber die reale Arbeitszeit mit dem Monatslohn vergleicht, merkt man schnell, dass man sich deutlich unter dem Mindestlohn bewegt...
2.) Man stellt halt so zu, dass man seine Arbeitszeit einhält. Wenn es dann wegen hohem Brief- und besonders Paketaufkommen mit der Zeit knapp wird, wird auch schon mal behauptet, es habe ein Zustellversuch stattgefunden, was aber nicht der Fall war. Gerade manch "routinierter" Zusteller, der öfter die Erfahrung gemacht hat, dass bestimmte Empfänger zu gewissen Zeiten eher selten da sind, versucht es dann gar nicht erst dort und bei zwei Nachbarn, sondern spart sich die zehn Minuten fürs Aussortieren des Pakets aus dem Fahrzeug, 3x klingeln und dann wieder einräumen, sondern sammelt sich diese gesparte Zeit, um sie mit seiner Familie zu verbringen, statt unbezahlt Überstunden zu machen. So sollte es zwar nicht sein, aber so sieht es leider oft in der Realität aus.
Wie schon gesagt, sich über die benötigte Zeit, die über der Regelarbeitszeit liegt zu beschweren, geht meist nach hinten los. Die Bezirke werden nicht angepasst, denn die sind ja schon toll berechnet. Das fällt dir auf die Füße, denn du bist nicht nur zu langsam, sondern arbeitest auch noch quasi "illegal" länger als erlaubt. Gleichzeitig sollst du aber nicht zu viele Pakete zurückbringen. Besonders in der Vorweihnachtszeit, während dem Black Friday bei Amazon usw. ist das einfach nicht möglich.
Viele Zusteller schmeißen dann hin, weil sie das nimmer wollen oder auch nimmer aushalten. Ich kann es verstehen. Warum sucht DHL denn ständig nach Mitarbeitern? Und wie oft wechseln bei euch die Zusteller?
Überhaupt ist das Gebaren der oberen Etagen eine Sauerei. Einer Kollegin von mir, die auch einen befristeten Vertrag hatte, wurde der nicht verlängert mit der Begründung, sie sei zu lange krank gewesen. Stimmt, sie war ein paar Wochen krank, nämlich deshalb, weil sie sich bei der Ausübung ihres Jobs den Arm gebrochen hatte, denn sie ist auf Glatteis ausgerutscht und auf den Arm gekracht, Als sie das als Begründung anführte, hieß es noch ganz dreist, sie hätte ja wenigstens die drei Wochen Urlaub, die ihr noch zustanden, erst mal nehmen können und dadurch ihre Krankheitszeit reduziert. Weil sie das nicht gemacht hat, hat man ihren Vertrag nicht verlängert... Kaum zu glauben, denn selbst der, der im Urlaub krank wird, hat ein Recht darauf, den dadurch verlorenen Erholungsurlaub gutgeschrieben zu bekommen. Aber auch das kümmert DHL nicht die Bohne.
Ich kann nur sagen, dass es rückblickend mein größtes Glück war, dass sie mir auch den Vertrag nicht verlängert haben, weil ich ja angeblich zu langsam war. Jetzt habe ich einen tollen Job mit Anerkennung, entsprechender Bezahlung und Psß an der Arbeit. Zu DHL würde ich im Leben nimmer gehen.
Also bei allem verständlichen Frust, seid ein bisschen nachsichtig mit den Zustellern. Die meisten versuchen ihr bestes im Rahmen der Möglichkeiten, die DHL ihnen ziemlich stark einschränkt. Das Hauptproblem liegt nicht an der Mehrzahl der Zusteller, sondern an den beschissenen Arbeitsbedingungen, die ihnen der Konzern diktiert. Die sind meist auch nur Opfer des Systems DHL.