Hoher emotionaler Sig
Kenan Mehmedovics autobiografisches Buch habe ich in einem Rutsch gelesen. Mit seinen 129 in großen Zeilenabstand und teilweise nur wenigen Worten pro Zeile verfassten Seiten geht das auch sehr schnell. Wer jetzt als Noch-Nicht-Leser/in denkt, dass ist wenig Buch für 12,90 Euro täuscht sich elementar. Denn in diesem Buch ist jedes einzelne Wort Gold wert. Nicht Gold im Sinne eines monetären Wertes sondern in dem von Erkenntnis. Darüber was es bedeutet, als Kind zu leiden und dieses Leid in Stärke für das weitere Leben zu verwandeln. Mit der Kraft der Liebe seiner Eltern und Schwester und dem langsam wachsenden Vertrauen zu sich selbst.
Soweit so gut, hört sich doch wie eine Geschichte von vielen zum Thema Jugend und Aufwachsen an. Aber Stop, der Schein trügt. Dieses Buch wird sich jeder Leserin und jedem Leser tief einbrennen: In die Gefühlshaut. Und es wird Empathie hervorrufen. Ein Mit-Leiden wird die Lektüre begleiten und eine Entdeckung. Nämlich die eines Autors, der sein Leiden aus jungen und späteren Jahren nicht nur in persönliche Stärke für ein selbstbestimmtes erfolgreiches berufliches und privates Leben sondern auch in eine literarische Qualität des Schreibens transformiert hat.
Denn mein "Lesen in einem Rutsch" heute resultierte nicht aus der überschaubaren Anzahl an Wörtern dieses Buchs sondern ausschließlich aus dem hohen emotionalen Sog, den Mehmedovics Schreibstil und sein authentischer Inhalt erzeugt.
Ich dachte schon immer, dass Leiden sehr gute Literatur hervorbringt. Dieses Buch und sein Autor sind klarer Beleg meiner Annahme.
Wie mich als Bio-Deutscher Mehmedovic in seine Für immer ein Ausländer-Welt mitgenommen hat, wie er seine Perspektive und vor allem seine Gefühle transparent zum mit-erleiden zu Papier gebracht hat, das ist die hohe Kunst des Schreibens.
Ich wünsche diesem Buch und seinem mir persönlich unbekannten aber nach der Lektüre überaus sympathischen Autor viele viele Leserinnen und Leser. Vor allem jene, denen das Buch helfen kann. Erstens die, die sich nach Mehmedovics Schilderungen eines Aufwachsens zwischen den Welten nicht mehr so alleine fühlen. Und zweitens die, die in unseren heutigen Zeiten das Wort Remigration allzu leicht gedanklich oder sogar mündlich über die Lippen bringen möchten.